Die 17 jährige Mareike wird von ihrer Mutter (eine frühere ADHS-Patientin unserer Klinik) vorgestellt, nachdem sie bereits 2 Monate in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie mit der Diagnose einer "endogenen Depression" behandelt wurde. Die Mutter schildert, dass bei Mareike vor einigen Jahren die Diagnose einer Aufmerksamkeits- und Aktivitätsstörung (ohne wesentliche Hyperaktivität) durch eine kinderpsychiatrische Praxis gestellt worden sei. Mareike sei zeitweilig neben Ergotherapie und Psychotherapie auch medikamentös behandelt worden. Methylpheniat (Ritalin) habe sie aber nicht gut vertragen (Bauchschmerzen, Appetitlosigkeit, Stimmungsprobleme) und dann nicht mehr weiter eingenommen. Ausgelöst mit familiären Belastungen bzw. Konflikten sei es dann zu einer Krise bei ihr gekommen, sie habe die Schule nicht mehr geschafft und sei zunehmend depressiv geworden. In der Klinik sei ihr bzw. der Mutter gesagt worden, dass es ADS nicht gäbe, bzw. sie sicher kein ADHS habe, da sie eben nicht hyperaktiv sei. Die Problematik bzw. Symptomatik sei auf eine familiäre Anpassungsstörung bzw. eine depressive Dekompensation zurück geführt worden und überwiegend in Form von Gruppengesprächen gesprächstherapeutisch bzw. mit begleitender Kreativtherapie behandelt worden. Zudem habe sie an einer Depressionsgruppe teilgenommmen. Eine wesentliche Veränderung ihrer Symptomatik habe sie aber nicht gemerkt. Zeitweilig habe man Antidepressiva ohne Erfolg verordnet. Dann habe sie wegen zunehmender innerer Unruhe ein atypisches Neuroleptikum (Zyprexa in einer Dosierung von 15 mg zur Nacht) gegeben. Hierunter sei sie wie „abgeschaltet“, habe Probleme beim Sprechen (Dysarthrie) und ausserdem deutlich an Gewicht zugenommen. Eine Besserung ihrer Beschwerden sei hierdurch nicht eingetreten, so dass die Mutter eine weitere Behandlung in der Klinik ablehnte.

Bei der Diagnosestellung einer ADHS-Symptomatik im Erwachsenenalter gerät der Behandler derzeit häufig in eine scheinbar paradoxe Situation. Die vorherrschenden Diagnosekritieren fordern eine lebenslange Beeinträchtigung bzw. Nachweis von ADHS-Symptomen seit der frühen Kindheit. Nun gelingt es aber durchaus vielen Mädchen über einen längeren Zeitraum mit einer ADHS-Konstitution sich durchaus zu adaptieren.

Man muss eindeutig zwischen der Diagnose und einer Beeinträchtigung ("disability") unterscheiden. Derzeit sind viele Kliniker gezwungen in einer Art "Grauzone" zu operieren, in der sie die Diagnose ADHS nicht stellen können, obwohl deutliche klinisch relevante Symptome von ADHS vorliegen und die Patientin offensichtlich von einer Behandlung profitieren würde. Während man bei einem Erwachsenen mit einer Lernstörung (z.B. Legasthenie) nie davon ausgehen würde, dass er oder sie diese Beeinträchtigung "verlieren" würde, obwohl ein beruflicher Erfolg eingetreten ist, gehen die aktuellen Diagnosekriterien bei ADHS scheinbar davon aus, dass ein Erwachsenen mit ADHS nicht länger die Syndromkriterien erfüllt, wenn er oder sie die schulische Ausbildung meistern oder sich im beruflichen Bereich durchsetzt. Selten wird dabei nachgefragt "WIE" bzw. mit welchem verstärktem Aufwand dies gelingt oder welche Auswirkungen die vermehrte Anstrengung oder Kompensation nach sich ziehen kann. Das Diagnosekritierium "Dysfunktion" (Kriterium C und D) der ADHS-Diagnosekriterien kann den Arzt oder Psychologen in die absurde Situation bringen (gerade bei einer genetisch bzw. neurobiologisch prädisponierten Störung), dass die Störung zunächst "existiert", dann "verschwindet" und möglicherweise in einem späteren Zeitpunkt "wieder auftritt" - abhängig von beeinflussenden Faktoren im Kontext der betroffenen Person.

Während bei dieser oben genannten Patienten zwar bereits in der Kindheit eine ADHS-Diagnose gestellt wurde, ist es vergleichsweise häufig so, dass die Symptomatik lange Zeit unentdeckt bleiben kann.

Es muss natürlich ausdrücklich davor gewarnt werden, jetzt jede Stimmungsschwankung oder Lernstörung bei einem Mädchen sofort auf ein unerkanntes ADHS zurück zu führen. Aber häufig lassen sich jedoch bei näherer Anamnese weitere Familieangehörige (Bruder, Vater etc.) mit ADHS bzw HKS eruieren oder aber weitere Hinweise auf sog. Regulationsstörungen mit Beginn im Kindesalter aufzeigen.  

Hierzu gehören Auffälligkeiten im Essverhalten, in der Nähe-Distanz-Regulation, Schlaf oder psychosomatische Symptombildungen wie Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, Einnässen oder Einkoten etc.

Zwar ist es eindeutig so, dass sich ADHS-typische Merkmale bereits seit der frühen Kindheit nachweisen lassen müssen, doch gibt es eine Reihe von Schutzfaktoren bzw. Kompensationsstrategien, die eine Beeinträchtigung im Sinne einer klinischen Störung verdecken können. Zu den protektiven = schützenden Einflüssen zählen:

- hohe Intelligenz und Neugier für Lernen / Wissensvermittlung mit Erfolgserlebnissen

- Unterstützerpersonen (z.B. Lehrer, Musikleher, Reitlehrer, Grosseltern)

- Anwendung von Achtsamkeitsübungen / Meditation / Yoga oder andererer Strategien zur Aufmerksamkeitslenkung

- Nutzen von Immagination (Vorstellungsübungen) bzw. visuelles Vorstellungsvermögen

- Fleiss bzw. übermässiges Auswendiglernen

- hochstrukturiertes Elternhaus mit Förderung bzw. Anreize für Lernen und schulischen Erfolg

- keine Merkmale von oppositionellem Verhalten bzw. Störungen des Sozialverhaltens bzw. gute soziale Grundfertigkeiten und soziales Engagement

Mädchen mit einem ADHS (häufig vom sog. unaufmerksamen Subtyp) sind so in der Kindheit häufig eher unauffällig und angepasst. Zwar mag es sein, dass die starke Ablenkbarkeit bzw. Probleme bei der Konzentration auffallen, doch nur relativ selten wird hier eine weiterführende Diagnostik eingeleitet. Weitere typische Merkmale von ADHS (vom unaufmerksamen Subtyp) sind (nach H. Simchen) :

- unkonzentriert, verträumt, ausgesprochen langsam bei Routineaufgaben

- im Denken umständlich, kann sich nur schwer auf neue Aufgaben bzw. Sichtweisen umstellen

- braucht länger bei Hausaufgaben

- Probleme bei der Feinmotorik, Malen und Schreiben

- leicht ablenkbar, vergisst scheinbar viel oder überhört Anweisungen

- innerlich unruhig (auch wenn es nach aussen still wirken kann)

- sehr empfindlich, schnell gekränkt, weint leicht

- kann schlecht mit Kritik umgehen, fühlt sich missverstanden und ungeliebt

- bleibt in sozialer Reife zurück, bleibt "kindisch"

- hat häufiger Bauch- oder Kopfschmerzen, ggf. Einnässen

- häufig isoliert, lässt sich leicht ärgern und kann sich nicht entsprechend wehren

Beim Lesen treten bei einigen Mädchen grosse Probleme auf, den Inhalt einer Buchseite oder eines Kapitels in der Gesamtheit zu erfassen. Gelingt es ihnen nicht ein besonderes Interesse ("Hyperfokussierung" ="Bücherwurm") für ein Buch zu entwickeln, schweifen sie mit den Gedanken (und dem Blick) immer wieder ab bzw. müssen einen Text immer wieder neu lesen.

Zwar gibt es natürlich auch die lebhaften, hyperaktiv-impulsiven Mädchen, die als typischer "Wildfang" auf Bäume klettern oder sich ganz und gar nicht "zähmen" lassen wollen. Und natürlich kann ein "aufgewecktes" bzw. intelligenteres Mädchen trotz Probleme bei der Konzentration und Aufmerksamkeitssteuerung zunächst durchaus gute Leistungen in der Schule bringen. Doch gerade die "Traumsuse" wird nur selten in Verbindung mit einer ADS-Symptomatik gebracht. Allenfalls wenn weitere Geschwister ein Hyperkinetisches Syndrom aufweisen, wird vielleicht eine weiterführende Diagnostik eingeleitet.

Gerade fehlende äußere Anreize bzw. Kontakte und Langeweile führen bei ADHS-Klienten zu einer Anspannung oder Unfähigkeit, geforderte Anforderungen angemessen zu erfüllen. Häufig sackt dabei die Aufmerksamkeitsspanne wie ein "Bildschirmschoner" von einer Sekunde zur anderen weg bzw. die Betroffenen können sich scheinbar ohne erkennbaren Grund nicht mehr auf die Aufgabenstellung einlassen.

  

Hinzu kommt eine extreme Stimmungsanfälligkeit (affektive Labilität) bzw. scheinbar unberechenbar auftretende Gereiztheit und harrsche emotionale Reaktionen. Schon als junges Mädchen kann sie als "Trotzkopf" oder "sturr" auffallen oder scheinbar immer wieder "mit dem falschen Bein aufgestanden sein". Scheinbar kleine Anlässe führen zu heftigen Auseinandersetzungen und Streit.

Typisch für junge Mädchen und Frauen mit ADHS ist eine Art "emotionale Überflutung" und eine stärkere, längere anhaltende emotionale Reaktion nach Streit oder Enttäuschung. Die Betroffenen scheinen vielfach an den Gefühlen zu "kauen" und können sich kaum davon lösen. Gerade in emotional belasteteten Situationen scheinen sie einerseits immer "das letzte Wort" haben zu wollen und verfangen sich so in sinnlose, immer weiter eskalierende Auseinandersetzungen. Irgendwann ist dann jedoch ein "Abschalten" zu beobachten, wo die Mädchen scheinbar überhaupt nicht mehr erreichbar wirken. Doch die durch den Streit bzw. die emotionalen Belastungen ausgelöste Anspannung bleibt noch lange erhalten und kann weit langsamer als bei anderen Menschen ohne ADHS wieder ein normales Mass erreichen.

Das für die Regulationen von Gefühlen wichtige limbische System mit der Amygdala (sog. Mandelkern) scheint bei ADHSlern besonders empfindlich zu sein. Im erregten Zustand sind dann ADHS-Klienten quasi nicht erreichbar bzw. blocken ab. Sie reagieren dann wie eine Mimose auf die kleinsten Kleinigkeiten, registrieren jedoch andererseits extrem feinfühlig Spannungen oder Ungerechtigkeiten in ihrer Umgebung.


 

Eine typische Beschwerdeschilderung von Mädchen bzw. Frauen mit ADHS ist "Chaos und Durcheinander im Kopf". Bei hoher Sensitivität (Gespür) für Spannungen bzw. Ungerechtigkeit sind besonders die sie umgebenden alltäglichen Unstimmigkeiten, Auseinandersetzungen und direkt oder indirekt ausgesprochenen Konflikte für sie unerträglich. Es gelingt ihnen nur selten, eine emotionale Distanz zum erlebten Problem zu erzielen, sie sind in jeder Sache scheinbar emotional verfangen und fühlen sich doch gleichzeit als Aussenstehende machtlos.

Da sie aufgrund der ADHS-typischen Besonderheiten durchaus ja selber zu Konflikten, bzw unzureichenden Leistungen oder anderen Problemen im Sozialverhalten neigen, trauen sie sich irgendwann nicht mehr offen Kritik anzusprechen. Ihr negatives Selbstbild geht davon aus, dass sie selber die Ursache der Probleme sind bzw. die Spannungen und Ungerechtigkeit nur von ihnen allein so empfunden wird.

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