Bisher ist es für betroffene ADHS-Erwachsene noch ausgesprochen schwer, kompetente ambulante Ansprechpartner zur Diagnostik und weiteren therapeutischen Begleitung zu finden.
Dem Hausarzt kommt schon allein deshalb eine wichtige Rolle in der Erkennung und Behandlung von ADHS zu, da er / sie häufig die Patienten und ihre Angehörigen häufig seit der Kindheit betreut bzw. etwaige Verhaltensauffälligkeiten und Probleme der schulischen Entwicklung aber auch sekundäre Folgen wie Cannabis- oder Alkoholabusus verfolgt hat.
Viele Ärzte fühlen sich jedoch mit der Diagnosestellung bzw. Behandlung überfordert, da sie eine hohe Anzahl von Selbstdiagnosen von ADHS bei ihren Patienten beobachten, die möglicherweise durch Presse oder Internet geschürt sein könnte. Tatsächlich gibt es Studien, die eine hohe Fehldiagnose bei der alleinigen Anwendung von Symptomlisten zur Selbstdiagnose bestätigen.
Eher konservative Schätzungen gehen von einer Häufigkeit von ca 3-4,4 Prozent betroffener Erwachsener aus. Entgegen früherer Annahmen wächst sich ein Hyperkinetisches Syndrom ("Hyperaktivität") keinesfalls mit der Pubertät aus - es verändert sich nur das klinische Erscheingungsbild. Dabei ist aber nur 10-15 Prozent der derzeit betroffenen ADHS-Patienten überhaupt die Diagnose ADHS bekannt und langjährige Fehldiagnosen bzw. insuffiziente Behandlungsversuche bei wechselnden Diagnosestellungen anzutreffen. Nach Einschätzungen von deutschen ADHS-Experten in einer aktuellen Leitlinienempfehlung zur Diagnose und Behandlung von ADHS im Erwachsenenalter gewinnt die Berücksichtigung der Diagnose ADHS allein schon deshalb eine hohe Relevanz, weil :
- ADHS im Vergleich zu anderen psychiatrischen Störungen häufig ist
- ADHS erhebliche krankheitswertige psychische, soziale und forensisische Beeinträchtigungen führt und neben Benachteiligungen im Bereich der schulischen Ausbildung und Karriere, zu Arbeitsplatzproblemen, gehäuften Unfällen und Partnerschaftsproblemen / Scheidungen beiträgt.
- ADHS ist in aller Regel nicht allein anzutreffen sondern ist mit einer Vielzahl von Begleit- und Folgeproblemen vergesellschaftet.
- Eine suffiziente medikamentöse und psychotherapeutische Behandlung hat eine gute Prognose zu einer deutlichen positiven Veränderung der weiteren Lebensperspektive.
Aus diesen Überlegungen heraus hat die WHO ein
Screening-Instrument mit 6 bzw. 18 Fragen vorgestellt. Damit kann zwar
noch keine Diagnose gestellt, jedoch ggf. eine weiterführende Diagnostik und Therapie vorbereitet werden. Wie bei allen orientierenden Symptomlisten werden dabei sowohl falsch positive Resultate zu verzeichnen sein, andererseits aber gerade bei Vorliegen des unaufmerksamen Subtypes (inattentive Type) bzw. langjähriger Kompensation an die Symptomatik eine zugrundeliegende ADHS-Konstitution möglicherweise nicht erkannt werden.
