Einige Therapeuten vertreten die Auffassung, dass man Psychostimulanzien nur bei besonders schwerer Ausprägung der Kernsymptome von ADHS einsetzen sollte.
Ausgehend von der klinischen Erfahrung und wissenschaftlichen Forschung muss man feststellen, dass Medikamente – auch bei Erwachsenen – die bei weitem am besten und effektivste Behandlungsoption darstellen. Sie können nur leider nur einen Teil der Problematik positiv beeinflussen...
In klinischen Studien mit Stimulanzien waren 20-50 Prozent sog. Non-Responder. Auch bei einem guten Ansprechen auf die Medikation kann typischerweise „nur“ eine Reduktion der klinischen Symptomatik um 50% oder weniger erwarten. Das heisst nun nicht, dass man ganz auf die Medikation verzichten kann. Da ja Aufmerksamkeit und Selbstkontrolle überhaupt wesentliche Grundlagen für eine Psychotherapie darstellen, sehen wie eine gute Pharmakotherapie eher als Grundlage für die weitere Psychotherapie. Aus der bisherigen Erfahrung kann besonders die Störung der Regulationsdynamik (Vigilanzregulationsstörung) und die Verbesserung der Exekutivfunktionen (Sortieren von verschiedenen Wahrnehmungen und Gedanken, Entscheidungsfindung und Ausführen von Handlungen) durch eine gute Pharmakotherapie positiv beeinflußt werden.
Medikamente lösen keine Probleme, aber mit einer guten Pharmakotherapie werden ADHS-Klienten eher in der Lage sein, selber Probleme zu lösen.
Wir müssen aber davon ausgehen, dass auch bei guter Medikamentenwirkung noch sogenannte Residualsyndrome von ADHS verbleiben. Während die Medikation also Kernbereiche wie Aufmerksamkeit, Impulsivität und Unruhe häufig sehr positiv verändert, benötigt man in aller Regel konkrete Strategien und Fertigkeiten für die Bewältigung von Alltagsanforderungen. Daher wird man in modernen Therapieansätzen eine Kombination von Medikation und psycho-sozialen Hilfen bzw. Psychotherapie einsetzen.
Die Einnahme von Medikamenten ist bei uns also keine „Pflicht“. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass gerade die Kombination von Medikamenten, Psychotherapie und psychosozialen Hilfen ein optimaler Behandlungserfolg erzielt wird. Dies sollte idealerweise nachstationär durch Coaching bzw. eine weitere ambulante Betreuung gestützt und ausgebaut werden.
Wir verwenden zumeist zunächst ein Methylphenidatpräparat von kurzer bzw. langer Wirkdauer. Amphetamin-Derivate bzw. das Antidepressivum Atomoxetin (Strattera®) sind jedoch gleichwertige Behandlungsmöglichkeiten. Diese müssen jedoch im Einzelfall mit weiteren Medikamenten (z.B. Antidepressiva) kombiniert werden.
Eine sogenannte adaptative Pharmakotherapie bei ADHS wird die Auswahl und Anpassung der Medikation an die individuellen Bedürfnisse des Klienten vornehmen. Eine "starre" Medikation (morgens, mittags, abends) ist schon allein wegen der kurzen Halbwertszeit der verfügbaren Medikamente nicht sinnvoll. Vielmehr müssen zunächst gemeinsam die Kernprobleme und mögliche Zielsymptome besprochen werden, die durch die Medikation verändert werden können. Eine Medikation mit Psychostimulanzien wird so primär die neuropsychiatrischen Kernbereiche der ADHS (z.B. Aufmerksamkeitssteuerung, Inhibitionskontrolle und ggf. auch die Vigilanzregulation mit Auswirkungen auf Emotionsregulation verändern. Patienten beschreiben dies beispielsweise wie ein "sich öffnendes Fenster" oder aber eine verbesserte Selbstkontrolle ("stiller Koordinator"). Sie erkennen jetzt, welche Einflussfaktoren an der Überforderung und Überreizung beteiligt sind. Seltener wird primär die verbesserte Konzentration als positives Zielsymptom bekannt. Die Abnahme von motorischer Hyperaktivität wird eher als bessere Entspannungsfähigkeit und bessere Toleranz von Langeweile und Monotonie beschrieben.
Im Rahmen einer ausführlichen Patientenaufklärung (Psychoedukation) werden nach Möglichkeit alle Beteiligten über die Vor- und Nachteile und Behandlungsalternativen informiert.
Die Grundentscheidung für oder gegen eine Pharmakotherapie und / oder alleinige Psychotherapie stellt sich jedoch in der klinischen Praxis so häufig nicht. Vielmehr haben nach bisherigen Erfahrungen die überwiegende Mehrheit der Klienten sich zumindest für einen medikamentösen Behandlungsversuch entschieden. Eine alleinige Pharmakotherapie ist naturgemäss bei uns in der Klinik nicht sinnvoll durchführbar. Ebenso ist die Hoffnung allein durch "alternative" Therapieverfahren eine langfristige Stabilsierung herbei zu führen aus unserer Einschätzug her utopisch.
In der Praxis stellen dann jedoch nicht Nebenwirkungen sondern Probleme einer regelmässigen Medikamenteneinnahme (Compliance) die größten Herausforderungen der Therapie dar.
Wirkung von Methylphenidat
Pharmakologisch gesehen wirkt Methylphenidat wie ein zeitweiliger Dopamin-Wiederaufnahmehemmer. Wir wissen, dass ADHS-Betroffene (u.a.) eine besonders hohe Aktivität bzw. Anzahl von Dopamin-Transportern (DAT) aufweisen. Durch Methylphenidat (z.B. Ritalin) lässt sich nun dieses System hemmen bzw. auch mittelfristig in der Aktivität reduzieren. Die Verfügbarkeit mit dem Botenstoff Dopamin nähert sich dann der von Menschen ohne ADHS an. Zusätzlich wird (vermutlich deutlich geringer) auch die Verfügbarkeit des Botenstoffs Noradreanalin erhöht.
Nebenwirkungen sind dagegen zumeist auf die Einstellungsphase beschränkt und besonders durch die Aktivierung des vegetativen Nervensystems verursacht.