Häufig wechselnde Diagnosen und vergebliche Behandlungsversuche trotz vorhandener Motivation prägen vielfach die Therapieerfahrungen von ADHS-Patienten bevor die eigentliche Diagnose gestellt wird. Hierzu eine prägnante Schilderung einer ADHS-Patientin, die sich langjährig  in ambulanter Psychotherapie befand :

 
"Hauptgesprächspunkte der heutigen Therapiestunden waren u. a. meine Unfähigkeit, meinen Haushalt in Ordnung zu halten, das ständige "Völlegefühl" im Kopf, mein Schamgefühl über meine chaotischen Zustände in meinem Haushalt (aber auch in meinem Kopf), die Einflüsse auf meine berufliche Tätigkeit, um nur die wichtigsten zu nennen. Als Beispiel nannte ich ihr folgende Gedanken- und Verhaltensweisen: Seit Tagen steht der Wäscheständer mit (inzwischen "super"trockenen) Handtüchern auf dem Balkon. Und ich stellte mir die Frage, wieso ich es nicht schaffe, die Handtücher abzunehmen, zusammenzulegen und an ihren Platz im Badregal zu legen. Meine Gedankengänge: bevor ich die Handtücher zusammenlegen kann, muss ich den Küchentisch aufräumen und säubern, um dafür Platz zu haben. Um aber den Küchentisch aufzuräumen, muss der Geschirrspüler ausgeräumt werden. Und wenn ich dann das Geschirr in den Küchenschrank stelle, fällt mir aber wieder auf, dass ich eigentlich auch mal die Küchenschränke auswischen müsste, was wiederum (um diesen Gedankenkreis zu schließen) voraussetzt, dass ich die Schränke ausräumen und dazu der Küchentisch frei sein muss, um das ausgeräumte Geschirr darauf abstellen zu können. Ausserdem fällt mir ein, dass ich auch das Badregal, in dem die Handtücher wieder ihren Platz finden sollen, reinigen müsste. Wenn ich dann aber dabei bin, das Regal zu reinigen, sollte ich auch den Fußboden unter dem Regal (und selbstverständlich im kompletten Bad) wischen, was wiederum voraussetzt, dass vorher die Ablagen, die Badewanne und die Toilette geputzt wurden. So, oder so ähnlich, passiert es mir immer wieder, was nicht selten darin endet, dass ich gar nicht erst anfangen mag, das Chaos zu beseitigen (da ich es sowieso nicht schaffe, diese Perfektion zu erreichen) und ich mich total antriebslos fühle. Nach meiner Schilderung dieser, zugegeben "gestörten", Gedanken- und Verhaltensweisen, äußerte meine Therapeutin den Verdacht, ich könnte unter Zwängen leiden."

 

Mit dem zunehmendem Bekanntheitsgrad der Symptomatik von ADHS besteht sicherlich aber auch die „Gefahr“, dass Klienten sich sehr schnell in den Symptomkriterien der Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung wiedererkennen oder aber Angehörige mit dieser „Diagnose“ versehen, wenn Unordnung, Unpünktlichkeit, Aufschieben oder Leistungsprobleme in Schule, Ausbildung oder Beruf bestehen.

 

Hauptfehler ist dabei häufig, dass anhand von unspezifischen Symptomlisten oder Einzel­symptomen auf das Vorliegen eines ADHS-Syndrom geschlossen wird.

  

Mögliche „Fehldiagnosen“ sind :

-          akute Belastungssituationen

-          zwanghaft-perfektionistische Persönlichkeit

-          Zwangsstörung (kann komorbid vor­kommen)

-          Suchterkrankungen

-          Depressionen

-     Minderbegabung bzw. fehlende Begabungen im angestrebtem Beruf

 

Beispiel:

 

Frau C, 56 Jahre. Die verheiratete Mutter 2 Kinder kommt zu ADHS-Diagnostik, nachdem sie einen Bericht im Fernsehen gesehen hat. Sie sei als Verwaltungs­ange­stellte in der Buchhaltung tätig und habe seit ca 25 Jahren in dem Betrieb sich stetig eine Vertrauens-position erarbeitet. Im Zusammenhang mit dem Wechsel der Führung habe es mit dem Juniorchef des Familienunternehmens eine Auseinandersetzung wegen unzureichender Leistungen gegeben.

 

Tatsächlich mache sie häufiger Fehler, was zu Kritik führe. Sie sei erschöpft, könne sich schlechter konzentrieren und benötige mehr Zeit für ihre Arbeit. Dies führe dazu, dass sie abends und am Wochenende immer wieder die Buchungen kontrolliere. Es beständen Ein- und Durchschlafstörungen, ihr Schlaf sei nicht erholsam. Jetzt sei ihr ein Fehlbetrag von 1000 Euro vorgeworfen worden und eine fristlose Kündigung angedroht.

 

Bei Nachfrage werden weder bei Frau C. noch bei ihren Kindern typische Symptome von Störungen der Aufmerksamkeitsfunktionen oder Inhibition deutlich. Kindheit, Pubertät und weitere persönliche wie berufliche Entwicklung seien „geordnet“ verlaufen. Von ihrem Mann erwarte sie etwas mehr Unterstützung, die Beziehung sei aber „intakt“. Sie sei eher überkorrekt und bezeichnet sich selber als Perfektionisten. Sie könne schlecht „abschalten“, habe aber auch frühere Hobbies (Chor, Aquaaerobic) eingestellt.

 

Im Verlauf der Diagnosestellung wurde ein Anpassungsstörung sowie eine zwanghafte Persönlich­keitsstruktur festgestellt. Die Patientin konnte unter dem Erlernen eines Entspannungsverfahrens (Progressive Muskelentspannung) sowie eines Kursus zum Stressmanagement bereits eine gewisse Linderung erzielen. Schliesslich entschloss sie sich, ein Angebot auf eine innerbetriebliche Umsetzung anzunehmen. Hierunter war schnell eine fast vollständige Rückbildung der Symptomatik zu verzeichnen.

 

Zwar gibt es durchaus eine Überkompensation mit zwanghaften und perfektionistischen Merkmalen bei vorliegender ADHS-Konstitution. Dies wurde aber bei der vorliegenden Problematik nicht deutlich.