Häufig wechselnde Diagnosen und vergebliche Behandlungsversuche trotz vorhandener Motivation prägen vielfach die Therapieerfahrungen von ADHS-Patienten bevor die eigentliche Diagnose gestellt wird. Hierzu eine prägnante Schilderung einer ADHS-Patientin, die sich langjährig in ambulanter Psychotherapie befand :
Mit dem zunehmendem Bekanntheitsgrad der Symptomatik von ADHS besteht sicherlich aber auch die „Gefahr“, dass Klienten sich sehr schnell in den Symptomkriterien der Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung wiedererkennen oder aber Angehörige mit dieser „Diagnose“ versehen, wenn Unordnung, Unpünktlichkeit, Aufschieben oder Leistungsprobleme in Schule, Ausbildung oder Beruf bestehen.
Hauptfehler ist dabei häufig, dass anhand von unspezifischen Symptomlisten oder Einzelsymptomen auf das Vorliegen eines ADHS-Syndrom geschlossen wird.
Mögliche „Fehldiagnosen“ sind :
- akute Belastungssituationen
- zwanghaft-perfektionistische Persönlichkeit
- Zwangsstörung (kann komorbid vorkommen)
- Suchterkrankungen
- Depressionen
- Minderbegabung bzw. fehlende Begabungen im angestrebtem Beruf
Beispiel:
Frau C, 56 Jahre. Die verheiratete Mutter 2 Kinder kommt zu ADHS-Diagnostik, nachdem sie einen Bericht im Fernsehen gesehen hat. Sie sei als Verwaltungsangestellte in der Buchhaltung tätig und habe seit ca 25 Jahren in dem Betrieb sich stetig eine Vertrauens-position erarbeitet. Im Zusammenhang mit dem Wechsel der Führung habe es mit dem Juniorchef des Familienunternehmens eine Auseinandersetzung wegen unzureichender Leistungen gegeben.
Tatsächlich mache sie häufiger Fehler, was zu Kritik führe. Sie sei erschöpft, könne sich schlechter konzentrieren und benötige mehr Zeit für ihre Arbeit. Dies führe dazu, dass sie abends und am Wochenende immer wieder die Buchungen kontrolliere. Es beständen Ein- und Durchschlafstörungen, ihr Schlaf sei nicht erholsam. Jetzt sei ihr ein Fehlbetrag von 1000 Euro vorgeworfen worden und eine fristlose Kündigung angedroht.
Bei Nachfrage werden weder bei Frau C. noch bei ihren Kindern typische Symptome von Störungen der Aufmerksamkeitsfunktionen oder Inhibition deutlich. Kindheit, Pubertät und weitere persönliche wie berufliche Entwicklung seien „geordnet“ verlaufen. Von ihrem Mann erwarte sie etwas mehr Unterstützung, die Beziehung sei aber „intakt“. Sie sei eher überkorrekt und bezeichnet sich selber als Perfektionisten. Sie könne schlecht „abschalten“, habe aber auch frühere Hobbies (Chor, Aquaaerobic) eingestellt.
Im Verlauf der Diagnosestellung wurde ein Anpassungsstörung sowie eine zwanghafte Persönlichkeitsstruktur festgestellt. Die Patientin konnte unter dem Erlernen eines Entspannungsverfahrens (Progressive Muskelentspannung) sowie eines Kursus zum Stressmanagement bereits eine gewisse Linderung erzielen. Schliesslich entschloss sie sich, ein Angebot auf eine innerbetriebliche Umsetzung anzunehmen. Hierunter war schnell eine fast vollständige Rückbildung der Symptomatik zu verzeichnen.
Zwar gibt es durchaus eine Überkompensation mit zwanghaften und perfektionistischen Merkmalen bei vorliegender ADHS-Konstitution. Dies wurde aber bei der vorliegenden Problematik nicht deutlich.