In der folgenden Übersicht soll ein zunächst noch sehr theoretisches Verständnismodell für ADHS dargestellt werden, das eine  andere Verständnisgrundlage als rein kategoriale Diagnosesysteme wie ICD 10 oder DSM IV  im Sinne einer dynamischen Regulationsstörung basler Hirnfunktionen (u.a. der Vigilanz) als Grundproblematik der klinischen ADHS-Symptomatik annimmt. 

Stark vereinfacht soll dies an einem "Luftballonmodell" verdeutlicht werden: 

Ein "neuer" Luftballon kann recht einfach aufgeblasen werden, die Spannung kann sowohl bei wenig Luft wie auch in voll aufgeblasenem Zustand gehalten werden. Durch Aufblasen oder Ablassen von Luft kann man die Grösse und Spannung des Ballons regulieren.

Menschen mit einer ADHS-Veranlagung weisen nun eine Besonderheit in Regulationsprozessen auf, die man mit einem "alten" Luftballon, der schon aufgeblasen einige Tage in der Sonne lag, vergleichen könnte. Ein solcher Ballon weist nicht mehr die rechte Spannung bzw. Elastizität auf. Man kann ihn zwar nochmal aufblasen oder ggf. von aussen spannen. Doch relativ schnell ist buchstäblich "die Luft raus". Es kostet einen ungleich höheren Energieaufwand, hier Spannung und Entspannung zu regulieren.


Anders ausgedrückt : Menschen mit dieser Regulationsdynamik werden besonders bei "Volldampf" zu Höchstform auflaufen, andererseits aber eben nur bei besonderen Reizbedingungen dieses Level halten können. Ihnen geht also schneller "die Luft aus", d.h. sie können nur unter besonders guten Bedingungen eine innere Spannung (Vigilanz) bzw. Aufmerksamkeit halten können.

Im "schlaffen" Zustand werden nun ein Teil der ADHS-Symptome scheinbar besonders sichtbar. Sei es die fehlende (Dauer-)aufmerksamkeit, die besondere Reizoffenheit bzw. auch eine deutliche Antriebsminderung bzw. Aktivitätsprobleme. Typisch für ADHS sind aber eben auch Stimmungseinbrüche, die besonders bei Langeweile bzw. Monotonie und weiteren recht spezifischen Situationen gehäuft auftreten. Auffällig ist dann auch eine besondere "Durchlässigkeit" bzw. Reizempfindlichkeit.

Es ist davon auszugehen, dass es sich um eine genetisch bestimmte Veranlagung ("trait") handelt, die nicht zwingend identisch mit dem klinischen Erscheinungsbild des ADHS-Syndroms ist. Nicht alle Menschen mit dieser Besonderheit der Regulationsdynamik werden also in einem medizinischen Sinne "krank" sein oder Hilfe aufsuchen müssen oder wollen. Vielmehr wird diese neurobiologische Veranlagung erst im Zusammenwirken mit den individuellen Anforderungen und Umgebungsbedingungen zu mehr oder weniger starken Beeinträchtigungen bzw. Fehlanpassungen führen.

Regulationsstörungen mit Beginn in der frühen Kindheit

Besonderheiten oder "Abweichungen" von erwarteten Reaktionen oder eine Entwicklungsverzögerung weisen viele ADHS-Kinder bereits seit der frühesten Kindheit auf. Typische Schilderungen beziehen sich u.a. auf :

- Nähe - Distanz - Regulation

- besondere Sensitivität für Berührung / Geräusche / Umgebungsveränderungen

- Thermoregulation (Gefühl für Kälte und Wärme)

- Gefühl bzw. Wahrnehmung von Hunger und Sättigung / Durst mit Auffälligkeiten im Essverhalten

- Auffälligkeiten bei der Miktion (Wasserlassen) und Stuhlgang (z.B. Einnässen / Einkoten)

- Koordinationsprobleme (z.B. wird ein Ball lange nicht richtig "gefangen")

- Schlafstörungen (verschobener Tag-Nacht-Rhythmus)

Derartige Wahrnehmungsstörungen werden zumeist nach älteren Konzepten jeweils als isolierte Störung gewertet bzw. als "sensorische Integrationsstörung" angesehen. Es fällt nur auf, dass eben eine angemessene ADHS-Medikation diese Probleme teilweise schlagartig "beseitigt"...

Regulationsstörung der Aufmerksamkeitssteuerung

Das Probleme eines ADHS-Patienten ist in aller Regel nicht die mangelnde Konzentrationsfähigkeit, sondern Probleme in der Steuerung der Aufmerksamkeitsfunktionen bzw. der Fokussierung.

Hierzu zunächst ein Beispiel  :

1. Vor wenigen Tagen kam eine Kollegin zu dem Klienten Herrn Meyer, er solle doch mal eben schnell einen Widerspruch  überarbeiten. Sie hätte einen "Hänger" und sitze schon seit längerer Zeit bei der Formulierung fest. 

Herr M. lässt seine eigentliche Arbeit   liegen und tippt in wenigen Minuten eine wirklich gute Darstellung des Sachverhaltes und Widerspruchsbegründung. Keine Anstrengung, es geht fast von selbst und ist tatsächlich in kurzer Zeit erledigt. 

Scheinbar gleiche Situation. Die Kollegin bittet  ausgehend von den oben genannten Erfahrungen, einen weiteren Antrag in den nächsten Tagen zu übernehmen. Der Antragsentwurf liegt rudimentär in meinem Fach. Und wird nicht erledigt. Künstlich bzw. gewollt eine ähnliche "spontane" Situation mit Herausforderungs- oder Unterstützungscharakter zu konstruieren gelingt nicht. Es ist und bleibt eine monotone Aufgabe, die erledigt werden muss (aber keine Aktivierung dazu auslösen könnte).

In diesem Beispiel spielt die Spontanität und Herausforderung (bzw. das Helfen, vielleicht auch eine emotionale Aktivierung über Sympathie) eine Rolle, weshalb eine "Voraktivierung" bzw. "Spannung" bei der Erledigung einer Aufgabe gelingt. Die gleiche Aufgabe wird bei scheinbar nur gering geänderten Bedingungen solange zur "Qual", bis eine emotionalisierte neue Herausforderung kommt (z.B. weil einfach der Termindruck zur Abgabe steigt).

Störungen der Affektsteuerung (Affektive Labilität)

Auch in der Gefühlssteuerung (Affekte oder Emotionen) fällt eine besondere Empfindlichkeit bzw. Dynamik auf.  Dies führt leider nicht selten dazu, dass die typische "intermittierende Dysphorie" bei ADHS mit einer manisch-depressiven Erkrankung verwechselt wird oder aber Behandlungsversuche auf einer "wiederkehrende Depression" zunächst über einen langen Zeitraum frustran verlaufen. 

Hierbei fällt auf, dass scheinbar ohne erkennbaren Anlaß die Stimmung "einbricht" bzw. durch scheinbar kleine äußere Anlässe (Zurückweisung auf persönlicher Ebene, Missstimmungen) eine negative Stimmung und Gereiztheit (Dysphorie) besteht. Die Stimmung "verhakt" sich dann regelrecht in Form von Grübeln bzw. "Haften" an negativen Gedanken zur eigenen Person und gegenwärtigen Lebenssituationen. Dies führt dann häufig zu einer (unzutreffenden) Verallgemeinerung, wobei negative Vorerfahrungen bzw. Hilflosigkeitserfahrungen und Zurückweisungen bzw. fehlende Anerkennung und Wertschätzung aus der Kindheit bzw. Lebensgeschichte generalisiert (d.h. nicht situationsbezogen auf das Hier und Jetzt) werden.

In einem anregenden (d.h. emotional positiven) Umfeld wird eine derartige "Depression" scheinbar von selbst sehr schnell wieder verschwinden, andererseits aber innerhalb kürzester Zeit bei Wegfall dieser günstigen Bedingungen (z.B. Sponsor- und Unterstützernetz von Mitpatienten) im häuslichem Umfeld wieder symptomatisch werden.

 

 


Am Brain Center Berlin untersucht eine Arbeitsgruppe derzeit wissenschaftlich u.a. im Bereich einer sehr speziellen Analyse von dynamischen Labilitäten im EEG Modelle, die später für eine Diagnostik und ggf. auch störungsspezifische Behandlung genutzt werden könnten. Die sehr vereinfacht ausgedrückte Grundidee ist es dabei, neurobiologische Veranlagungen (ADHS-Konstitution) bzw. Reaktionsbereitschaften zu beschreiben, die u.a. zu dem klinischen Erscheingungsbild des ADHS-Syndroms führen können. Derzeit ist dies keinesfalls ein allgemein klinisch einzusetzendes Verfahren und wird auch (noch) nicht von der Fachwelt im Bereich ADHS alllgemein akzeptiert.