Gerade im Erwachsenenalter lässt sich ADHS sicher nicht allein auf die klassischen Kernsymptomate der beeinträchtigten Unaufmerksamkeit, Impulsivität und der häufig deutlich verminderten oder fehlenden motorischen Unruhe ("Hyperaktivität") beschränken. Beim sog. "unaufmerksamen Subtyp" von ADHS können merkmale der motorischen Unruhe und Impulsivität sogar ganz fehlen.
Vielmehr geht man heute davon aus, dass sich neuropsychiatrische Störungen besonders in den Bereichen
- Inhibition = Bremsen bzw. Reizfilterung und Impulskontrolle sowie
- Selbstregulation
Selbstwertprobleme und Defizite im Bereich der Selbststeuerung bestimmen den Leidensdruck und soziale Anpassungsfähigkeit in Anforderungssituationen des Alltags. Die lebenslangen syndromtypischen Beeinträchtigungen führen daneben zu sekundären Auswirkungen und Komorbiditäten, die häufig mindestens ebenso starke Beeinträchtigungen der Lebensqualität und Alltagsgestaltung auslösen können und die Entwicklung einer stabilen Identität behindern können.
Da ADHS eine multifaktorielle Symptomatik (= Kombination verschiedener Einflussfaktoren) aufweist, ist nur in einem kombinierten (=multimodalen) Therapieansatz eine konstruktive Veränderung zu erwarten.
Besonders bei vielen Frauen mit ADHS / ADS ist davon auszugehen, dass über einen langen Zeitraum Kompensationsstrategien wie Perfektionismus, zwanghafte Verhaltensweisen bzw. starke Anstrengungsbereitschaft bestanden. Verstärkt durch hormonelle Wechselwirkungen und zunehmende Anforderungen an Selbstorganisation treten dann die Defizite häufig erst nach der Pubertät vermehrt in Erscheinung.
Obwohl eine besondere Stimmungslabilität mit raschen Stimmungswechseln bzw. Gereiztheit ("intermittierende Dysphorie") bisher noch nicht zu den offiziellen Diagnosemerkmale der ADHS gezählt werden, stehen gerade bei Jugendlichen und Erwachsene entsprechende emotionale Störungen häufig im Mittelpunkt der Beschwerden bzw. führen zu Fehldiagnosen.
Wenn man schon von typischen Leitsymptomen sprechen kann, so wird sich dies auf folgende Bereiche konzentrieren und sich als wesentlich beeinträchtigender als in der "Normal"-Bevölkerung widerspiegeln:
- Subjektiv zu geringes Leistungsvermögen, d.h. das volle Wissen, Engagement oder Leistungspotential kann nicht erzielt werden
- Vergesslichkeit bzw. häufiges Verlegen von Dingen
- Probleme in der Organisation bzw. in der Bewältigung von gleichzeitig mehreren Aufgaben
- Impulsivität in verschiedensten Lebensbereichen (verbale Entgleisungen, Aggressivität, Essstörungen, Kaufrausch, etc.)
- Extreme Abhängigkeit der Leistungsfähigkeit von äusseren Faktoren, wie z.B. herausforderndes Arbeitsklima, angenehme Wohnbedingungen oder Licht/Geräusche
- Intoleranz von Langeweile bzw. fehlende Entspannungsfähigkeit
- Fehlende Motivation für Alltagstätigkeiten, geringe Ausdauer bei monotonen Beschäftigungen
- Motorische oder auch nur starke innerliche Unruhe mit Besserung bei Bewegung oder aber ständigem Nesteln oder Bewegen mit Fingern oder Füssen
Schliesslich muss erneut auf die bisher kaum beachtete Patientengruppe in den Kliniken oder Praxen hingewiesen werden, die von sich aus nicht auf Störungen der Aufmerksamkeit oder Konzentrationsfähigkeit hinweisen würden, da sie sich hierfür schämen oder es als schlichtweg normal, da im ganzen Leben vorhanden akzeptieren. ADHS-Betroffene sind schlechte Selbstbeobachter in dieser Hinsicht, d.h. geben häufig auch auf Nachfrage an, dass in der Kindheit keine entsprechenden Probleme bestanden. Dies steht dann aber im krassen Gegensatz zu Aussagen ihrer Eltern oder Zeugnisbewertungen der Lehrer, die häufig bereits eindrucksvoll das Vollbild der ADHS beschreiben können. Diese Patienten werden dann vielleicht wegen Suchterkrankungen oder Essstörungen, Depressionen, Angststörungen, Persönlichkeitsstörungen, Schlafstörungen, somatoformen Störungen oder andere Krankheitsbilder mehr oder weniger erfolglos behandelt. Hier lassen sich vielleicht am besten folgende Patientengruppen als prädisponiert für eine weiterführende ADHS-Diagnostik herausgreifen :
- Patienten mit seit der Jugend auftretenden lang anhaltenden depressiven Störungen, die nicht wie erwartet auf Antidepressiva oder psychotherapeutische Massnahmen ansprechen.
- Patienten mit starkem Drang zur Selbststimulation durch äussere Reize oder Tätigkeiten, Intoleranz von Langeweile oder Ruhe
- Patienten mit sehr häufigem Wechsel der Arbeitsstätte und/ oder des Wohnortes oder Beziehungen (sog. "Hunter")
- Patienten, mit plötzlichen aggressiven oder verbalen Entgleisungen, Impulskontrollstörungen, "Adrenalin-Junkies", Gewaltstraftäter (!)
- Patienten mit chronischen Insomnien, d.h. Schlafstörungen, die nicht auf übliche verhaltensmedizinische Massnahmen bzw. Schlafmittel ansprechen.
Quellen :
1. ADD-Online eigene Texte
Mehr zum Thema :
Grundlagen von ADHS bei Erwachsenen von M. Winkler
Selbstwert, Identität und Dissoziation von Piero Rossi


