Das Behandlungskonzept der Klinik Lüneburger Heide in Bad Bevensen fußt auf der mehrjährigen klinischen Erfahrung des Behandlungsteams mit der Diagnostik und Behandlung von ADHS im Erwachsenenalter und schliesst wissenschaftlich evaluierte Therapiekonzepte einer multimodalen Therapie bei ADHS ein.

Unserer ressourcenorientiertes neurokognitive Therapiekonzept kombiniert die folgenden Therapiebausteine :

  • ADHS spezifischer Psychotherapieprozess und Behandlung psychiatrischer Begleitstörungen
  • Medikamentöse Behandlung und Monitoring / Beratung
  • Vermittlung von störungsspezifischen Fertigkeiten in der ADHS-Gruppe
  • ADHS-Unterstützersystem / Sozialberatung bzw. Vorbereitung der beruflichen Rehabilitation

Die Therapie kann durch zusätzliche indikationsbezogene Gruppen (z.B. Soziale Kompetenz und Kommunikation, Essstörungen, Adipositas oder Depressionen) ergänzt werden. Weiterhin wird das Therapiekonzept durch Angebote der Kunsttherapie, Körpertherapie und Sporttherapie kompletiert.

Im Rahmen einer stationären Rehabilitationsmassnahme muss thematisch eine Begrenzung auf ein spezielles Problemfeld bzw. Problemverhalten erfolgen. Diese Themen sollten zu Beginn gemeinsam in einem Therapieplan definiert werden. Erfahrungsgemäss fällt es gerade ADHS-Patienten schwer, eine solche Fokussierung auf einen Behandlungsauftrag anzunehmen und sich nicht im therapeutischen Angebot einer Klinik mit immer neuen Themengebieten zu beschäftigen.

1. Störungsspezifische Psychotherapie bei ADHS im Erwachsenenalter

Unser Behandlungskonzept ist gruppentherapeutisch orientiert. Negative Vorerfahrungen und Misserfolge sowie Probleme im Umgang mit Gleichaltrigen bzw. in Beziehungen sowie ein Mangel und Versagen bisheriger Kompensationsstrategien führen bei vielen ADHS-Patienten im Zusammenwirken mit den neuropsychiatrischen Kernsymptomen der gestörten Aufmerksamkeitssteuerung, Inhibition / Impulskontrolle und Selbstregulation zu wiederholten Frustrationserleben und Selbstwertstörungen.

Häufig besteht ein selbstzentrierter Wahrnehmungsstil mit einer mangelnden Fähigkeit zur Selbst- und Fremdwahrnehmung. so dass die Folgen des eigenen Verhaltens nicht angemessen wahrgenommen und reflektiert werden können. Daher geht es in der Psychotherapie häufig zunächst um eine realitätsbezogene Auseinandersetzung und Akzeptanz der ADHS-Problematik und ihrer Folgen bei gleichzeitiger Nutzung bzw. Reaktivierung eigener Ressourcen und Erlernen neuer Bewältigungsstrategien.

Dabei müssen häufig familäre Konfliktsituationen (z.b. Autonomie-Abhängigkeitskonflikte) aufgrund der mangelhaften Entwicklung von Selbstorganisationsfertigkeiten und Identitätsstörungen sowie eine emotionale Entwickungsstörung berücksichtigt werden.

Der psychotherapeutische Ansatz ist schulenübergreifend und enthält sowohl tiefenpsychologische wie verhaltenstherapeutische Behandlungskomponenten, wird aber bei Bedarf durch familientherapeutisch-systemische Angebote ergänzt.

Stimulanzientherapie / Pharmakotherapie

Bei entsprechender Indikation kann auch im Erwachsenenalter eine Therapie mit Psychostimulanzien eine Voraussetzung zur Stabilsierung sein und durch verbesserte Aufmerksamkeit und Selbstkontrolle die Mitwirkung um Umsetzung im psychotherapeutischen Prozess wesentlich erleichtern. Wir sehen die Kombination von Pharmakotherapie mit Stimulanzien häufig als Grundlage für unsere psychotherapeutische Arbeit, da die hierfür notwendige Aufmerksamkeitsleistung, Planung und Reflektionsfähigkeit durch die Medikation deutlich verbessert und so zunächst überhaupt eine Therapiefähigkeit (z.B. für die Gruppensituationen) erreicht wird. Stehen allerdings andere psychische Störungen (z.B. eine schwere Depression, Angststörungen, Essstörungen oder Persönlichkeitsstörungen) zunächst im Vordergrund, wird die Behandlung einen Schwerpunkt auf die Therapie dieser Grundprobleme setzen, jedoch die zusätzliche ADHS-Problematik entsprechend einbeziehen.

In der Klinik ist bei entsprechender Indikation und ausreichend langer Therapiedauer auch eine Ersteinstellung auf ein Psychostimulans (Methylphenidat oder Amphetamin) möglich oder aber auch eine Umstellung der Medikation (z.B. auf ein modernes länger wirkendes Psychostimulans (z.B. Concerta, Medikinet retard, Ritalin LA oder seltener Modafinil ). Nach ausführlicher Aufklärung über Möglichkeiten, Grenzen und Nebenwirkungen der Medikation erfolgt dann eine schrittweise Aufdosierung nach der Titrationsmethode unter fortlaufender Selbst- und Fremdbeurteilung des Therapieeffektes und möglicher (seltener) Nebenwirkungen durch. Die Ermittlung der individuellen Dosierung unter Berücksichtigung der Wirkdauer (bei kurzwirkenden Stimulanzien ca 3-5 h) und etwaiger Rebound-Effekte (Wiederauftreten von Unruhe oder aggressivem Verhalten bei nachlassender Wirkung) erfolgen in enger Abstimmung mit unseren Patienten, um eine bestmögliche Adaptation an Alltagsanforderungen und soziale Integration zu ermöglichen. Auch bestimmte antriebssteigernde Antidepressiva (Noradrenalin-Wiederaufnahme-Hemmer wie Atomoxetin = Strattera) oder selten Modulatoren des Glutamatstoffwechsels (z.B. Memantine)  können bei ADHS-Patienten indiziert sein. Selterner werden auch ältere (tricyclische Antidepressiva) als Therapiemöglichkeit diskutiert, wenn starke Gegenanzeigen gegen die Mittel der ersten Wahl bestehen. Wegen der vielfältigen Komorbidität mit anderen Erkrankungen kann auch eine Kombinationsbehandlung mit weiteren Medikamenten (z.B. Antidepressiva) notwendig werden. Dies richtet sich unter Umständen auch danach, welche klinische Symptomatik (z.B. ADHS oder Depressionen) derzeit klinisch führend ist. Vor allem neuere Antidepressiva wie Venlafaxin (= Trevilor ) oder Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRi) lassen sich gut mit Stimulanzien kombinieren.

3. Vermittlung von störungsspezifischen Fertigkeiten

In einer hochstrukturierten Gruppe für ADHS-Patienten wird ein spezifischer Umgang mit den syndromtypischen Defiziten im Bereich der Selbstorganisation und Handlungsplanung sowie Emotionsregulation vermittelt und im stationären Alltag angewendet. Neben der Entwicklung eines funktionellen Verständnisses der ADHS und geeigneter personeller und situativer Kontextfaktoren (d.h. ein ADHS-gerechtes Umfeld, Zeitmanagment und Pausen, Umgang mit Stress) stehen dabei besonders soziale Fertigkeiten (z.B. günstige Kommunikationsstrategien, Umgang mit Autoritätspersonen, Konfliktmanagement) im Vordergrund.

Hierzu tragen folgende Therapiebestandteile der ADHS-Gruppe bei :

  • Entwicklung eines störungsspezifischen Wissen („Störungsmodell")
  • Neubewertung der Komorbiditäten / Biographie unter dem Blickwinkel ADHS
  • Definition von störungsspezifischen Behandlungszielen und Entwicklung eines Behandlungsplans mit stationären und nachfolgenden ambulanten Hilfsangeboten
  • Störungsspezifische Unterstützung zur besseren Kompensation der ADHS-Symptomatik und Förderung der individuellen Ressourcen
  • Wahrnehmung von individuellen Stärken und Verbesserung des Selbstwertgefühls
  • Stabilisierungsmöglichkeiten u.a. durch Achtsamkeitsübungen, positive Aktivitäten und Wiederentdecken eigener Ressourcen und Interessen
  • Vermittlung von Selbstmanagementstrategien / Coachingansätze
  • Erlernen von Stressbewältigungsmöglichkeiten und Umgang mit emotionalen Schwankungen
  • Erkennen und Verändern von verzerrten Wahrnehmungs- und Denkstrukturen mit kognitiven Therapietechniken
  • Verminderung von ungünstigen Verhaltensstrategien in Konfliktsituationen (Konflikttraining, Soziales Kompetenztraining)
  • Problemlösetechniken für Alltagssituationen und Überforderung
  • Aktive Kompensationsstrategien zur Verhinderung von Folgeprobleme und Schutz vor erneuter Dekompensation (z.B. „Notfallkoffer" und Pläne für Krisensituationen)

  • Strategien für eine längerfristige Änderung der Lebensbedingungen in Anpassung an die ADHS-spezifischen Besonderheiten

In unserer 5 mal wöchentlichen ADHS-Gruppe (Dauer 50 Minuten) werden neben psychoedukativen Informationen insbesondere Bausteine eines Verhaltenstherapieprogramms (nach Safren et al.) sowie eines Sozialen Kompetenztrainings für ADHS (nach Copeland und Neuhaus) verwendet.

Schon allein der tägliche Ablauf eines Klinikalltags und eines Behandlungsplans gibt eine äußere Strukturierung vor, die in einem ambulanten Bereich häufig fehlt. Fertigkeiten im Umgang mit Organisation und Planung sind den meisten ADHS-Klienten zwar durchaus vertraut, werden jedoch nicht regelmässig angewendet. Wir gehen auch nicht davon aus, dass man durch spezielle verhaltenstherapeutische Techniken (z.B. Verstärkersysteme oder Selbstinstruktionstraining) bei Erwachsenen mit ADHS eine wirkliche grundlegende Änderung der ADHS-Symptomatik oder gar "Heilung" erzielen könnte. ADHS ist also nicht ein Mangel an Skills (Fertigkeiten). Dennoch bewährt es sich, sich auf einige sehr basale Grundlagen der Strukturierung zu besinnen. Hierzu gehören u.a. :

- Konsistentes Führen eines Kalenders und einer Aufgabenliste oder Notizbuch in dem wichtige Termine notiert werden

- Hilfe bei der Entscheidungsfindung durch Prioritätensetzen und Aufzeichnen in einer Aufgabenliste

- Ablagesystem für wichtige Gegenstände und Dokumente einführen

- Werben um positive Unterstützung und Feedback im Umfeld des Klienten

Daneben ist es wichtig, durch Veränderungen in der Umgebung und Anpassung an die Besonderheiten von ADHS z.B. im Bereich Ablenkbarkeit eine Symptombeeinflussung zu erzielen. Hierzu ist es wichtig, die eigene Aufmerksamkeitsspanne zu berücksichtigen und mögliche Ablenkquellen in der Umgebung zu verändern.

Schliesslich spielt in der Psychotherapie die Identifikation und Veränderung von negativen Gedanken und Einstellungen eine Rolle, die eine Anpassung an ADHS und die Folgeprobleme erschweren könnten. Häufig sind hier Hilflosigkeitserfahrungen aus der Kindheit bzw. Verallgemeinerungen und egozentrische Sichtweisen (d.h. nur aus dem eigenen emotionalem Erleben heraus erlebte Wahrnehmung) zu berücksichtigen.

4. ADHS-Unterstützersystem und Sozialberatung / Berufliche Rehabilitation

ADHS-Patienten haben es häufig nicht (oder nicht mehr) geschafft, ihr Leben allein in den Griff zu bekommen. Erwartungen, die an sie gestellt wurden, konnten sie häufig trotz größten Anstregungen nicht erfüllen bzw. dauerhaft durchhalten. In der sozialen Gemeinschaft von Mitpatienten mit gleicher Erkrankung finden sie Verständnis und die positive Neuerfahrung, daß ihre Problematik in den lebenslangen Auswirkungen erkannt und konkrete Hilfestellung angeboten wird.

Leider befinden sich viele ADHS-Betroffene nicht selten in materiellen Nöten oder Umbruchsituationen und bedürfen einer gezielten Unterstützung im Bereich Ausbildung, Studium oder Beruf. Dabei stellt die Erarbeitung eines langfristigen Unterstützungssystems durch unseren Sozialdienst einen wesentlichen Stabilisierungsfaktor dar. In Kooperation mit weiteren Trägern der beruflichen Rehabilitation oder Betreuungsangeboten soll den besonderen Bedürfnissen im Bereich der Selbststeuerungsproblematik und Alltagsorganisation Rechnung getragen werden. Bereits während der stationären Behandlungsphase werden daher weitere Möglichkeiten der gegenseitigen Unterstützung und Inanspruchnahme weiterer Hilfsangebote (einschliesslich Selbsthilfegruppen, Unterstützungspersonen = Mentoren, Beratungs- und Therapieeinrichtungen, Träger der beruflichen Rehabilitation etc.) angesprochen.

Übliche Entspannungstherapieverfahren (Progressive Muskelrelaxation / Autogenes Training) werden nur selten von den ADHS-Patienten als hilfreich erlebt oder es bestehen ohne Medikation erhebliche Probleme durch die erhöhte Ablenkbarkeit und Reizoffenheit ein ausreichendes Entspannungsniveau zu erreichen. Entsprechende Therapieangebote werden jedoch in der Klinik auf Wunsch auch für ADHS-Patienten vorgehalten.

Behandlungsplan während der stationären Rehabilitation

Das Therapiekonzept der Klinik ist auf eine Behandlungsdauer von 4 bis 6 Wochen ausgerichtet. Im Einzelfall kann jedoch auch eine längere oder kürzere Behandlung vereinbart werden.

Aufgrund der Eingangsdiagnostik bzw. einem möglichen Vorgespräch in unserer Klinik wird dazu nach Absprache mit dem Patienten ein individueller Behandlungsplan erstellt, in dem die Ziele der Behandlung definiert werden und darüber gemeinsam eine Übereinkunft erzielt wird. Dieser Behandlungsplan kann selbstverständlich bei Bedarf im Laufe der Behandlung angepasst werden.

Unsere Patienten nehmen an einer 4 mal wöchentlichen über 2 Therapiestunden stattfindenden psychotherapeutischen Basisgruppe teil. Daneben findet täglich eine ADHS-Gruppe (50 Minuten) statt.

Begleitend werden zusätzlich 1 mal wöchentlich einzeltherapeutische Sitzungen angeboten. Eine etwaige medikamentöse Neueinstellung oder Abänderung der Therapie erfolgt in sehr enger (täglicher) Abstimmung zwischen Arzt und Patient. Soweit erforderlich können dabei von unserer Medizinischen Abteilung die notwendigen Basisuntersuchungen (z.b. EKG, Labor, Ergomentrie, Echokardiographie und Sonographie) angeboten werden.

Das psychotherapeutische und medikamentöse Behandlungsangebot wird durch Therapieangebote unserer Kunsttherapie ergänzt. Hier bieten sich besonders günstige Möglichkeiten die häufig vorhandenen kreativen Ressourcen der ADHSler (wieder) zu entdecken.

Körpertherapie / Sport- und Bewegungstherapie

Nicht selten weisen ADHS-Patienten Defizite im Bereich der Selbstwahrnehmung bzw. adäquaten Bezug zum eigenen Körper auf. Hier können Achtsamkeitsübungen bzw. körperorientierte Therapieverfahren einen guten Zugang liefern. Andererseits stellen Sport- und Bewegungsmöglichkeiten eine gute Ressource zum Abbau eines erhöhten Anspannungs- und Stressniveaus dar.

Ernährungsberatung / Esstherapie

Bei vielen ADHS-Patienten lassen sich langjährig ungünstige Ernährungs- und Trinkgewohnheiten aufzeigen, die nicht selten bereits zu Folgeproblemen (z.B. Übergewicht) geführt haben. Hier kann mit Hilfe unseres Ernährungsteams eine Anleitung zu einem geregeltem Essverhalten und Normalisierung des Körpergewichtes angeboten werden.