ADHS muss keinesfalls immer mit einer motorischen Unruhe ("Hyperkinesie") oder deutlich sozial störenden Impulsivität einhergehen. Gerade Mädchen bzw. Frauen weisen häufiger Merkmale des sog. unaufmerksamen Subtyps ("inattentive type") der ADHS auf, selbstverständlich kann und kommt diese Symptomatik aber ebenso bei Jungen bzw. Männern vor. Da die Symptomatik häufig diskreter verläuft, weniger sozial störend empfunden wird bzw. länger kompensiert werden kann, bleiben viele Betroffene über einen langen Zeitraum unentdeckt und unbehandelt.
Zumindest bei einer Ausprägungsform des unaufmerksamen Subtyps der ADHS fällt ein zäher, verlangsamter Denk- und Wahrnehmungsstil auf. Es fällt den Betroffenen bereits in der Kindheit ungleich schwerer als ihren Alterskameraden, in einer vorgegebenen Zeit einen Text oder eine Aufgabe zu erfassen und zu beenden. Immer wieder müssen sie so einen Text lesen, ohne den eigentlichen Inhalt in seiner Gesamtheit zu erfassen. Häufig unterlaufen ihnen trotz grösster Sorgfalt wiederholte "dumme" Flüchtigkeitsfehler, daneben bleiben ihre Diktate bzw. Klassenarbeiten häufig unbeendet. Sie wirken auf Aussenstehende als "umständlich" bzw. ziehen sich immer weiter aus sozialen Kontakten mit Gleichaltrigen zurück, weil sie durch ihren anderen Denk- und Wahrnehmungsstil übliche Gruppenaktivitäten aufgrund der Fülle von Reizen und Umstellungsanforderungen als Überforderung erleben.
Während viele Kinder und auch Jugendliche zunächst durch Fleiss bzw. rigides Auswendiglernen (oder Nutzen von visueller Vorstellung) in der Grundschule noch gute bis sogar sehr gute Leistungen bringen, fallen sie häufig in der Pubertät bei zunehmenden Anforderungen an Selbstorganisation und Selbstständigkeit auf.
Typisch sind dann :
- scheinbar unerklärlicher Leistungsabfall bei einer bis dahin guten Schülerin
- schlechte Daueraufmerksamkeit (wirkt unaufmerksam, kann scheinbar "nicht zuhören")
- Scheinbar einfache Alltagsanforderungen (Aufräumen, Haushalt) können nicht geleistet werden, dagegen häufig zunächst noch gute Leistungen in Schule oder Ausbildung (=Diskrepanz der Leistungen in verschiedenen Bereichen)
- Verspätungen, Absprachen werden wiederholt nicht eingehalten
- Antriebsmangel und hohe Sensibilität, wirkt häufig überempfindlich auf Geräusche oder Gruppenaktivitäten
- fühlt sich schnell unverstanden und grenzt sich aus
- niedriges Selbstwertgefühl, gibt sich selber die Schuld
- Unfähigkeit zum Perspektivenwechsel, versteht die Erwartungen von anderen Menschen nicht
- nur wenige, dafür dann intensive Beziehungen zu Bezugspersonen, Einzelgänger oder Kontakt auf Aussenseiter beschränkt
- unter Stress bzw. Prüfungsbedingungen kann das eigentliche Leistungspotential nicht abgerufen werden
- Einschlafprobleme mit häufigem Grübeln und Unfähigkeit sich zu entspannen.
Reizbarkeit bzw. wiederholte Stimmungsschwankungen, Neigung zu impulsivem Handeln - Frust bzw. negative Gefühle (Wut, Aggression) können nicht adäquat gezeigt werden ("muss mich ständig zusammenreissen") -> Autoaggression, Essstörungen, Drogenmissbrauch etc.
Meistens wird man in diesen Fällen erst dann an eine ADHS-Symptomatik denken, wenn weitere Familienangehörige (z.B. Geschwister) mit einem hyperaktiven Subtyp von ADHS in Behandlung sind. Dabei kann die Abgrenzung schwierig sein, ob es sich eher um eine familiendynamische Problematik aufgrund eines konfliktreichen Elternhauses oder inadäquater Erwartungshaltung oder aber einer ADHS-Problematik handelt. Überschneidungen der Problematik sind jedoch häufig.
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